Kontextbasiertes Vokabellernen — was das CALLIDUS-Projekt zeigt

Comic: Kontextbasiertes Vokabellernen mit dem Callidus-Prinzip. links: res=?, rechts=res macht Sinn durch Satz.

„You shall know a word by the company it keeps.“ — mit diesem Satz brachte der Linguist J. R. Firth es auf den Punkt (A Synopsis of Linguistic Theory, 1957): Ein Wort entfaltet seine Bedeutung erst durch seine Nachbarn.

Was, wenn man Latein-Vokabeln genau so lernen würde — nicht als Wortgleichung auf der Karteikarte, sondern im echten Satz? Genau diese Frage hat ein Forschungsprojekt an der Humboldt-Universität Berlin systematisch untersucht: CALLIDUS. Es hat kontextbasiertes Vokabellernen im Latein nicht nur gefordert, sondern in einen funktionierenden digitalen Tutor gegossen — und dabei ehrliche, lehrreiche Ergebnisse produziert. Dieser Artikel stellt das Projekt vor: die Grundannahme, was den Ansatz besonders macht, was die Studie ergab, wie die Schüler reagierten — und was wir beim richtigen Latein-Lernen daraus gebaut haben.

Was war das CALLIDUS-Projekt?

Kontextbasiertes Vokabellernen stand im Zentrum von CALLIDUS, einem DFG-Forschungsprojekt der Humboldt-Universität Berlin (Beyer & Schulz). Es entwickelte den E-Tutor Machina Callida, der aus echten lateinischen Textkorpora automatisch kontextualisierte Wortschatzübungen erzeugt. Die Grundannahme: Ein Wort lernt man nicht isoliert, sondern über die Sätze, in denen es vorkommt.

Der Hebel: das mentale Lexikon

Die Grundannahme stammt aus der Kognitionswissenschaft. Unser Gehirn legt Wörter nicht ab wie ein Wörterbuch — saubere Einträge, alphabetisch sortiert. Es speichert sie als Netzwerk. Seidenberg und Kollegen formulierten es schon 1989 so (zit. n. Beyer/Schulz 2020):

„Lexical memory does not consist of entries for individual words … Knowledge of words is embedded in a set of weights on connections …“ (Seidenberg et al. 1989)

Ein Wort ist also die Summe seiner Verbindungen — Firths „company it keeps“. Daraus folgt der Hebel: Unverbundenes Lernen erlaubt keinen Transfer. Wer res nur als „Sache“ kennt, steht im nächsten Caesar-Satz hilflos da, wo es „Staat“ heißt.

„Ein lateinisches Wort hat keine deutsche Bedeutung, es hat auch keine lateinische Bedeutung, sondern es hat eine Bedeutung.“ (Hermann Steinthal 1971, zit. n. Beyer/Schulz 2020)

Merksatz: Eine Karteikarte speichert ein Wort. Ein Satz speichert seine Bedeutung.

Dazu kommt die kognitive Last (Sweller 1988): isolierte Listen überlasten das Arbeitsgedächtnis, Kontext entlastet. Wer tiefer einsteigen will: Wir haben der kognitiven Last beim Latein-Lernen einen eigenen Artikel gewidmet.

Was den Ansatz besonders macht: korpusbasiert und automatisch

Das Besondere war, Kontext korpusbasiert und automatisiert umzusetzen. Machina Callida zieht authentische Sätze aus Textkorpora (PROIEL, Perseus, AGLDT) und erzeugt daraus „comprehensible input“ — echtes Latein, automatisch aufbereitet, mit drei Übungstypen:

ÜbungstypPrinzip
Mark wordsWortformen im Text markieren (Noticing)
MatchingKollokationen zuordnen
ClozeLückentext: Wort aus dem Kontext erschließen

Dahinter ein zweiter Befund: Die Bedeutung steckt oft im Verbund — facere heißt selten einfach „machen“:

Lateinische WendungWörtlichTatsächliche Bedeutung
pontem facere„eine Brücke machen“eine Brücke bauen
fidem facere„Treue machen“Vertrauen schaffen
aliquem reum facere„jemanden schuldig machen“jemanden anklagen

Alle drei aus Caesar, Bellum Gallicum I. Und eine harte Zahl: Für echtes Textverständnis braucht man mindestens 95 % der Wörter eines Absatzes (Nation 2006) — erreichbar nur durch verankerten, im Kontext abrufbaren Wortschatz.

Von der Forschung zur Praxis

CALLIDUS hat gezeigt, wie kontextbasiertes Üben aussehen kann — am Satz, an Kollokationen, an der Bedeutung im Zusammenhang. Was daraus für den Unterricht und das eigene Lernen folgt, steht ausführlich im Praxis-Artikel Latein-Vokabeln im Kontext lernen.

Screenshot von Sensus: kontextbasiertes Vokabellernen, ein Wort mehrere Bedeutungen.

Die Vision: ein Wort, das im neuen Kontext abrufbar bleibt

„Ziel dieser veränderten Sicht auf den lateinischen Lexikonerwerb ist es, dass der Abruf von Informationen über ein Wort aus dem mentalen Lexikon auch dann noch gelingt, wenn das Wort in einem neuen Kontext erscheint.“ (Beyer/Schulz 2020)

Ein hoher, präziser Anspruch: nicht „mehr Vokabeln“, sondern abrufbarer, übertragbarer Wortschatz.

Ehrliche Ergebnisse — Wissenschaft, die ihre Grenzen offenlegt

Hier verdient das Projekt besonderen Respekt: Die Forscher haben ihre Pilotstudie (2020, vier Wochen) reflektiert und offen eingeordnet. Sie verhehlen nicht, dass sich im Posttest zunächst kein messbarer Wortschatzzuwachs zeigte. Statt zu beschönigen, haben sie die Ursache klar benannt — sie lag nicht im Prinzip, sondern im Studiendesign. Genau darin liegt der bleibende Wert: eine Wissenschaft, die nicht überverkauft.

Was die Probanden zeigten — und welche Lehre das Projekt zog

Der Schlüssel lag im Verhalten der Schüler: zu viele unbekannte Formate gleichzeitig, die ungewohnte Form band die Aufmerksamkeit — kognitive Überlast. Die Lehre, die Beyer und Schulz ziehen: sich auf ein oder zwei Formate konzentrieren, damit Lernende sich an die Methodik gewöhnen. Bemerkenswert, was trotzdem trug: Polysemie- und Kollokationsformate wurden von Lehrkräften als „sehr hilfreich und sinnvoll“ eingeschätzt (Beyer/Schulz 2020); die Schüler bearbeiteten sie erfolgreich — so intensiv, dass sie zehn Minuten länger brauchten als erwartet.

Vom Satz zur Geschichte — die Forschung weitergedacht

Eines sagt CALLIDUS bewusst nicht: dass Sätze wiederum in eine zusammenhängende Geschichte gehören. Das Projekt begründet den Kontext auf der Ebene von Satz und Kollokation („comprehensible input“; Bedeutung „erst auf der Textebene“, Beyer/Schulz 2020) — und es wäre unredlich, ihm mehr zu unterstellen.

Denselben roten Faden — die Entlastung des Arbeitsgedächtnisses — trägt aber die Lernpsychologie eine Ebene höher weiter, vom Wort zum Text. Anne Friedrich (LRS und Lateinunterricht, 2017): Jüngere Lernende verarbeiten vor allem ereignisbezogen; zusammenhanglose Einzelsätze zwingen das Arbeitsgedächtnis, in jedem Satz neu zu klären, wer gerade handelt — während wiederkehrende Figuren genau diese Last wegnehmen. So entsteht ein stabiles Situationsmodell, das sich „leichter im Langzeitgedächtnis verankern“ lässt als isolierte Mikrostrukturen.

So gelesen widerspricht Friedrich CALLIDUS nicht, sie stärkt und erweitert die Linie. Genau an diesem Punkt — Vokabel im Satz, Satz in der Geschichte — setzt unser eigener Ansatz an; wie er aussieht, steht im Praxis-Artikel: Latein-Vokabeln im Kontext lernen.

Auf den Schultern von CALLIDUS — was wir daraus gebaut haben

Genau hier setzen wir an — vorsichtig, ohne mehr zu behaupten, als belegt ist.

Kontextbasiertes Vokabellernen mit Sensus: Eine Vokabel, zwei Sätze und unterschiedliche Bedeutungen.

Für Schüler:innen spannen wir die Kontext-Klammer doppelt. Erstens dosiert: Neue Formate führt ein Box-System nach Leitner über Wochen ein, statt sie wie im Vier-Wochen-Pilot zu bündeln. Zweitens zusammenhängend: Vokabeln, Formen und Satzglieder werden am selben Satzmaterial geübt — derselbe Satz begegnet dem Lernenden im Formentrainer, im Satzquiz und in der Lektüre wieder, eingebettet in eine durchgehende Geschichte mit wiederkehrenden Figuren.

Kontextbasiertes Vokabellernen in der Auswertung: Im Lehrer Officina können die Fortschritte der Schüler beobachtet werden.

Für Lehrkräfte — und ihre Hilfestellung lösen wir ein, was CALLIDUS sich wünschte, aber nicht im Feld erproben konnte: Diagnostik. Während die Schüler im Kontext üben, erfassen ein Forschungs- und ein Lehrer-Dashboard (Officina) die Daten leise im Hintergrund — welche Bedeutung, welche Form, welches Satzglied bei wem hakt — und machen daraus gezielte Hilfestellung. Der Lernende merkt vom Messen nichts; die Lehrkraft sieht, wo sie ansetzen muss.

Auch wir „beweisen“ damit nichts über Nacht. Was wir tun, ist das didaktisch breit getragene Prinzip kontinuierlich umsetzbar — und endlich messbar — zu machen.

Häufige Fragen zum CALLIDUS-Projekt

Was ist das CALLIDUS-Projekt?

CALLIDUS war ein DFG-Forschungsprojekt der Humboldt-Universität Berlin zur korpusbasierten, kontextorientierten Wortschatzarbeit im Lateinunterricht. Es entwickelte den E-Tutor Machina Callida, der aus echten lateinischen Texten automatisch kontextualisierte Vokabelübungen erzeugt.

Hat CALLIDUS bewiesen, dass kontextbasiertes Vokabellernen besser ist?

Nein. Die Pilotstudie 2020 zeigte im Posttest keinen messbaren Wortschatzzuwachs — vor allem, weil die vierwöchige Studie zu kurz war und die Schüler von zu vielen neuen Übungsformaten überfordert waren. Es gibt einen breiten didaktischen Konsens für den Ansatz, aber keinen harten Wirksamkeitsbeweis.

Warum reicht es nicht, die deutsche Übersetzung auswendig zu lernen?

Weil ein lateinisches Wort meist mehrere Bedeutungen trägt, die erst der Satz eindeutig macht. res kann „Sache“, „Lage“, „Staat“ oder „Besitz“ heißen. Lernst du nur eine Übersetzung, scheiterst du an jedem Satz, der eine andere meint.

Was ist Machina Callida?

Der digitale Tutor aus dem CALLIDUS-Projekt. Er zieht authentische Sätze aus Textkorpora und erzeugt daraus Übungen wie Mark words (Markieren im Text), Matching (Kollokationen) und Cloze (Lückentext).

Wie setzt Lapicida die CALLIDUS-Idee um?

Über ein durchgängiges System statt eines vierwöchigen Pilots: ein Box-System, das neue Formate dosiert und über Wochen vertraut macht, sowie kontextbasierte Module wie Sensus (die richtige Bedeutung im Kontext). Wie das praktisch aussieht, steht im Artikel Latein-Vokabeln im Kontext lernen.

Was bleibt: eine Methode, auf der man bauen kann

CALLIDUS hat eine Methode erforscht, ein präzises Ziel formuliert und ehrlich gezeigt, worauf es ankommt — Kontext, Dosierung, abrufbarer Wortschatz. Genau das macht das Projekt wertvoll: als Fundament, nicht als fertiges Rezept. Wie wir darauf aufbauen — und wie man selbst im Kontext lernt — steht ausführlich im Praxis-Artikel: Latein-Vokabeln im Kontext lernen.

Quellen

Mehr zum Projekt: Publikationen des CALLIDUS-Projekts (Humboldt-Universität Berlin).

Quellen (Auswahl): Beyer/Schulz 2020 (CALLIDUS – Korpusbasierte, digitale Wortschatzarbeit im Lateinunterricht) · Kuehnast/Schulz/Lüdeling 2024 · Friedrich 2017 (LRS und Lateinunterricht) · Firth 1957 · Seidenberg et al. 1989 · Steinthal 1971 · Nation 2006 · Sweller 1988. (Seidenberg, Steinthal, Nation zit. n. Beyer/Schulz 2020.)

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