Veni, veni, Emmanuel — Text auf Latein und Deutsch, Übersetzung & O-Antiphonen

Veni veni Emmanuel Text Latein: aufgehende Sonne, Spross aus der Wurzel Jesse, Schlüssel Davids und Adventskranz

Veni, veni, Emmanuel ist das bekannteste lateinische Adventslied. Auf Deutsch singt man es als „O komm, o komm, Emmanuel“, auf Englisch als „O Come, O Come, Emmanuel“. Jede Strophe ruft Christus mit einem anderen Namen aus dem Alten Testament – und hinter diesen Namen stehen die sieben O-Antiphonen der Woche vor Weihnachten.

Hier findest du den Text von Veni, veni, Emmanuel auf Latein und Deutsch:

  • alle sieben Strophen mit wörtlicher Übersetzung, Zeile für Zeile
  • die O-Antiphonen als Übersicht, mit Datum und Bibelstelle
  • die Grammatik hinter veni, educ und solare, dazu die Aussprache

Was bedeutet „Veni, veni, Emmanuel“?

Veni, veni, Emmanuel heißt „Komm, komm, Emmanuel“. Emmanuel ist hebräisch und bedeutet „Gott mit uns“ (Jesaja 7,14, aufgenommen in Matthäus 1,23). Das Lied bittet um das Kommen des Erlösers, und der Kehrvers antwortet: Gaude! Gaude! Emmanuel nascetur pro te, Israel – „Freu dich, freu dich! Emmanuel wird für dich geboren werden, Israel.“

Veni, veni, Emmanuel: Text auf Latein und Deutsch

So wird das Lied heute meist gesungen: mit sieben Strophen, der Kehrvers Gaude! Gaude! nach jeder Strophe.

LateinDeutsch (wörtlich)
1 Veni, veni, Emmanuel,Komm, komm, Emmanuel,
captivum solve Israel,befreie das gefangene Israel,
qui gemit in exsilio,das in der Verbannung seufzt,
privatus Dei Filio.des Sohnes Gottes beraubt.
Gaude! Gaude! EmmanuelFreu dich, freu dich! Emmanuel
nascetur pro te, Israel.wird für dich geboren werden, Israel.
2 Veni, O Sapientia,Komm, o Weisheit,
quae hic disponis omnia,die du hier alles ordnest,
veni, viam prudentiaekomm, um uns den Weg der Klugheit
ut doceas et gloriae.und der Herrlichkeit zu lehren.
3 Veni, veni, Adonai,Komm, komm, Adonai (Herr),
qui populo in Sinaider du dem Volk auf dem Gipfel
legem dedisti verticedes Sinai das Gesetz gegeben hast
in maiestate gloriae.in der Majestät der Herrlichkeit.
4 Veni, O Iesse virgula,Komm, o Reis aus Isais Stamm,
ex hostis tuos ungula,aus der Klaue des Feindes die Deinen,
de specu tuos tartariaus der Höhle der Unterwelt die Deinen
educ et antro barathri.führe heraus und aus dem Schlund des Abgrunds.
5 Veni, Clavis Davidica,Komm, Schlüssel Davids,
regna reclude caelica,schließ die himmlischen Reiche auf,
fac iter tutum superum,mach den Weg nach oben sicher
et claude vias inferum.und verschließ die Wege in die Unterwelt.
6 Veni, veni, O Oriens,Komm, komm, o aufgehendes Licht,
solare nos adveniens,tröste uns durch dein Kommen,
noctis depelle nebulasvertreib die Nebel der Nacht
dirasque mortis tenebras.und die grausige Finsternis des Todes.
7 Veni, veni, Rex gentium,Komm, komm, König der Völker,
veni, Redemptor omnium,komm, Erlöser aller,
ut salves tuos famulosum deine Diener zu retten,
peccati sibi conscios.die sich ihrer Sünde bewusst sind.

Zwei kleine Abweichungen findest du in Gesangbüchern: In Strophe 6 steht in der ältesten Fassung noctis tenebras („Finsternis der Nacht“) statt mortis tenebras, und in Strophe 7 liest man manchmal ut salvas statt des grammatisch richtigen ut salves.

Die O-Antiphonen: woher die sieben Strophen kommen

Die O-Antiphonen sind sieben kurze Rufe, die die Kirche seit dem frühen Mittelalter vom 17. bis zum 23. Dezember in der Vesper singt, vor und nach dem Magnificat. Jede beginnt mit „O“ und einem Namen für den erwarteten Messias. Das Lied macht aus jeder Antiphon eine Strophe:

TagAntiphonBedeutungBibelstelleStrophe im Lied
17. Dez.O SapientiaWeisheitWeisheit 8,12
18. Dez.O AdonaiHerr (hebr. Gottesname)Exodus 3 und 203
19. Dez.O Radix IesseWurzel IsaisJesaja 11,1.104
20. Dez.O Clavis DavidSchlüssel DavidsJesaja 22,225
21. Dez.O OriensAufgang, aufgehendes LichtLukas 1,786
22. Dez.O Rex gentiumKönig der VölkerJeremia 10,77
23. Dez.O EmmanuelGott mit unsJesaja 7,141

ERO CRAS – „Morgen werde ich da sein“

Liest man die Anfangsbuchstaben der Namen rückwärts, vom 23. zum 17. Dezember, ergibt sich ein Satz:

EmmanuelRexOriensClavisRadixAdonaiSapientia
EROCRAS

Ero cras heißt „Morgen werde ich da sein“ – am Tag nach der letzten Antiphon ist Heiligabend. Ob das Absicht war, weiß niemand. Es zeigt aber schön, wie genau die Antiphonen gebaut sind. In der vierten Strophe steht übrigens virgula („Reis, Zweiglein“) statt Radix („Wurzel“). Das Wort erinnert an Jesaja 11,1 in der Vulgata: egredietur virga de radice Iesse – „ein Reis wird hervorgehen aus der Wurzel Isais“.

Latein verstehen, nicht nur mitsingen

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Herkunft, Grammatik und Aussprache

Die O-Antiphonen sind über 1.200 Jahre alt, das Lied ist viel jünger. Sein Text erscheint zuerst 1710 im Kölner Jesuiten-Gesangbuch Psalteriolum Cantionum Catholicarum, damals mit fünf Strophen. Die Strophen von der Weisheit und vom König der Völker kamen im 19. Jahrhundert dazu. 1851 übersetzte John Mason Neale das Lied ins Englische, und Thomas Helmore verband es mit der Melodie, die man heute kennt. Woher sie stammt, fand erst 1966 die Musikforscherin Mary Berry: aus einer französischen Handschrift des 15. Jahrhunderts. Mehr dazu in der Wikipedia.

Deutsche Fassungen gibt es mehrere, keine ist wörtlich: Im katholischen Gotteslob steht unter Nr. 222 „Herr, send herab uns deinen Sohn“, im Evangelischen Gesangbuch unter Nr. 19 „O komm, o komm, du Morgenstern“.

Grammatik: sieben Mal „komm!“

Das Lied besteht fast nur aus Bitten. Darum ist es voller Imperative – und darunter sind einige, die in der Schule gern abgefragt werden:

Wort im LiedFormSo übersetzt du
veni, solve, depelle, claudeImperativ Singular„komm, befreie, vertreib, verschließ“
educ, facverkürzte Imperative wie dic, duc, fer„führe heraus“, „mach“
solareImperativ des Deponens solari – sieht aus wie ein Infinitiv„tröste!“
gaudeImperativ von gaudere„freu dich!“
nasceturFutur des Deponens nasci„er wird geboren werden“
ut doceas, ut salvesut mit Konjunktiv: Finalsatz„um … zu lehren / zu retten“
privatus Dei FilioPartizip + Ablativ der Trennung„des Sohnes Gottes beraubt“
superum, inferumGenitiv Plural, alte Form auf -um„der Himmlischen“, „der Unterwelt“

Die größte Falle ist solare: Die Endung sieht aus wie ein Infinitiv Aktiv, aber solari ist ein Deponens, und solare ist sein Imperativ – „tröste!“. Genauso heißt nascetur nicht „er wird gebären“, sondern „er wird geboren werden“. Die ut-Sätze erklärt unser Beitrag zum Konjunktiv im Nebensatz.

Wie spricht man Veni, veni, Emmanuel aus?

Gesungen wird das Lied in der kirchlichen Aussprache nach italienischem Klang (mehr in unserem Beitrag zur lateinischen Aussprache):

Lateinkirchlich gesprochenRegel
veniWE-niv wie deutsches „w“
Emmanuelem-MA-nu-elDoppelkonsonanten werden gehalten
gaudeGAU-deau bleibt „au“
nasceturna-SCHE-tursc vor e und i wie „sch“
caelicaTSCHE-li-kaae wie „ä“, c vor e wie „tsch“
gentiumDSCHEN-tsi-umg vor e wie „dsch“, ti vor Vokal wie „tsi“

Häufige Fragen zu Veni, veni, Emmanuel

Was bedeutet „Emmanuel“?

„Emmanuel“ (auch Immanuel) ist hebräisch und heißt „Gott mit uns“. Der Name stammt aus Jesaja 7,14 und wird im Matthäusevangelium (1,23) auf Jesus bezogen.

Was heißt „Gaude, gaude, Emmanuel nascetur pro te, Israel“?

„Freu dich, freu dich! Emmanuel wird für dich geboren werden, Israel.“ Angeredet ist Israel, nicht Emmanuel: „gaude“ ist ein Imperativ, „nascetur“ das Futur von „nasci“ (geboren werden).

Woher stammt Veni, veni, Emmanuel?

Der lateinische Text erscheint zuerst 1710 in einem Kölner Gesangbuch. Er dichtet die sieben O-Antiphonen nach, die viel älter sind und aus dem frühen Mittelalter stammen.

Was sind die O-Antiphonen?

Sieben Rufe, die vom 17. bis 23. Dezember in der Vesper vor und nach dem Magnificat gesungen werden. Jede beginnt mit „O“ und einem Namen für den Messias: Sapientia, Adonai, Radix Iesse, Clavis David, Oriens, Rex gentium, Emmanuel.

Wann singt man Veni, veni, Emmanuel?

Im Advent, besonders in der Woche vor Weihnachten, wenn die O-Antiphonen gesungen werden. In England und Amerika ist es auch als Weihnachtslied beliebt.

Ist die Melodie von Veni, veni, Emmanuel mittelalterlich?

Die Melodie steht in einer französischen Handschrift des 15. Jahrhunderts, die Mary Berry 1966 fand. Mit dem lateinischen Text verbunden hat sie aber erst Thomas Helmore im Jahr 1851.

Lateinische Texte selbst lesen

Ob Adventslied, Gebet oder Bibeltext: Mit Lapicida lernst du, Latein selbst zu lesen. Zu Weihnachten passt Adeste fideles, das bekannteste lateinische Weihnachtslied, Zeile für Zeile übersetzt.

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